Aktuelle Berichte 2018


März 2018

                                        

Erziehung ohne Beziehung? 

Vor ca. 2 Wochen lief im Fernsehen (NDR) eine Sendung, in der es um“ Naturwissen“ im weitesten Sinne ging. Ein Reporter hat ca. 10 Personen verschiedener Altersgruppen befragt, z.B. woran man eine Fichte von einer Tanne unterscheiden kann. Das Ergebnis: NIEMAND wusste die Antwort!!! Blätter zuordnen?- Fehlanzeige.

Winterschlafende Waldtiere?- Achselzucken. Eine typische Waldblume?-Augenrollen und abwinkende Handbewegung… Es war nicht die Tatsache, dass meine Mitmenschen keine Antworten darauf hatten, was mich erst fremdschämen ließ, dann wütend gemacht  und letztendlich sehr nachdenklich gestimmt hat. Nein, es war diese unglaubliche Ignoranz, dieses ins lächerliche ziehen, dieses: Ist mir doch egal, was geht mich der Wald an? Sie haben tatsächlich überhaupt keine Beziehung zum Wald(und zur Natur?), wie können wir da erwarten, dass sie ihn schützen möchten bzw. können?  Und was hat das jetzt mit dem Kindergarten zu tun?

„Unsere“ Kinder könnten die „Naturwissen-Fragen“ vermutlich alle beantworten, aber geht es überhaupt um Wissensvermittlung? Ist es wichtig, dass wir einzelne Arten unterscheiden können? Das wir immer eine Antwort parat haben? Nein, denn reine Wissensvermittlung funktioniert nicht nachhaltig. Uns geht es um das Gefühl. Den Wald und die Natur be-greifen, mit allen Sinnen wahrnehmen, sich in andere Lebewesen hineinversetzen, eine Beziehung entstehen lassen und dann kommt das Wissen ganz von alleine. Würden wir mit den Kindern in einem Buch den Unterschied zwischen Tanne und Fichte „erkunden“, wäre die Antwort- wenn überhaupt- nur kurz im Gedächnis. „Das Abenteuer“ (eine Geschichte , die mit Figuren und Utensilien (idealerweise in und aus der Natur) gespielt wird) von der kleinen Waldhexe, die alle heruntergefallenen Fichtenzapfen in kleine Mäuse verwandelt und die Tanne deswegen ihre Zapfen aufrecht wachsen lässt, ermöglicht den Kindern einen Bezug, an den sie sich vermutlich noch Jahre später erinnern können. Dazu noch ein anderes Beispiel: Normalerweise sind die Forstarbeiter bei den Kindern ähnlich „hoch“ angesiedelt wie Feuerwehrman oder Polizist. Sobald die Motorsägen kreischen, ist für uns Kino. Normalerweise…nicht so dieses Jahr. Die „Neuen“ Kinder waren schwer beeindruckt, haben sie so etwas wahrscheinlich noch nie so hautnah erlebt. Aber die älteren, die im letzten Jahr unser Baumprojekt mitgestaltet haben, wurden verdächtig ruhig. Durch dieses Projekt haben sie eine ganz andere Beziehung zu den Bäumen aufgebaut, sie haben sie kennen und lieben gelernt. Sie wollen sie schützen! Ich bekam eine Gänsehaut und war gleichzeitig mega-stolz. Stolz, weil ein Kind mit 5 Jahren hinterfragt, ob es denn wirklich sein muss, dass die Bäume jetzt gefällt werden. Und dann, obwohl die Motorsäge eine gewisse Anziehungskraft ausstrahlt sagt:“ Also ich guck mir das jetzt nicht an wie der Baum gefällt wird!“  Seine Freundin legt tröstend den Arm um ihn und sagt: „Der Wald muss ja auch Geld verdienen“ und dann ziehen beide los, und „säen“ neue Bäume, indem sie  Bucheckern verbuddeln. Sie wissen dass es ein Wirtschaftswald ist und die Menschen unterschiedliche Ansprüche an ihn haben. GROßARTIG- nach einem Jahr…Verstanden würde ich sagen, davon ein paar mehr, und ich mache mir um unsere Zukunft keine Gedanken mehr J! Und ganz ehrlich: das geht nicht nur im Wald! Oft hören wir: Ja ihr, ihr seid ja auch im Wald, da geht das ja auch…Der Ort spielt aber nur eine zweitrangige Rolle, wenn auch die Natur zugegebenermaßen ein großartiger Lehrmeister ist.  Aber: Werte vermitteln geht überall. Überall da, wo Beziehungen zugelassen und gelebt werden!!!Wir müssen uns nur überlegen, was uns wirklich wichtig ist. 

Ein gewisses Maß an Respekt und Achtsamkeit sowohl der Natur als auch unseren Mitmenschen gegenüber ist das  Fundament, auf dem aufgebaut werden kann. Ich bin felsenfest davon überzeugt: Erziehung „funktioniert“ NUR über Beziehung!  

Liebe Grüße, Nicole Wedell